Gerade in den letzten Monaten haben sich doch einige Unternehmen gefragt, was denn eigentlich so mit ihrem Recruiting los ist – oder haben es einfach mal stillgelegt. Die, die sich damit ein wenig mehr beschäftigt haben, gehen davon aus, dass sich Recruiting durch die Pandemie nachhaltig verändern wird und es auch muss. Dem lässt sich nur zustimmen, jedoch sind die Änderungen von denen diesbezüglich gesprochen wird offen gesagt keine Neuen. Die allermeisten der jetzt festgestellten oder lautstark geforderten Veränderungen wurden nicht von der Pandemie vielleicht sogar disruptiv angetrieben, sondern sind Dinge, die eigentlich schon immer auf der Transformationsagenda von Recruiting Organisationen stehen sollten. Sie wurden oder konnten aufgrund verschiedener Umstände, meist dem operativen Druck geschuldet nicht angegangen werden. Jedoch müssen wir uns, so denke ich, im Recruiting immer mehr auf solche „Einschläge“ einstellen, bei denen es nicht mehr ausreichen wird, nur die operativen Recruiting- und Personalmarketingmethoden im Griff zu haben. Denn die können von heute auf morgen weg sein und sich im bekannten volatilen Markt rasant ändern. Reaktive Panik darf dann nicht die Antwort sein, sondern eine stabile, reaktionsfähige Recruiting Organisation, die ihre Prozesse sowie das Recruiting Portfolio steuernd im Griff hat und ihre entsprechenden Stellhebel kennt. Dafür muss sich jede Recruiting Organisation eigentlich ein eigenes funktionierendes Recruiting Ökosystem aufbauen, welches Volatilität abfangen und Lösungen anbieten kann. Meine 2Cents dazu will ich folgend dazu aufschreiben.  

Ökosysteme – zwei Beispiele

Wir kennen alle den Handelsriesen Amazon. Schauen wir einmal auf sein Firmengeflecht, so fällt schnell auf, dass es sich hier in der Tat um ein riesiges digitales Ökosystem handelt. Amazon hat zum Beispiel mit Amazon Web Services (AWS) die Basis für sein Ökosystem geschaffen, dass es vornehmlich selbst zum Betrieb seiner eigenen Infrastruktur nutzt, aber die Kapazität auch anderen Unternehmen zur Verfügung stellt. AWS dient somit als Basis für den Shop, für die gesamten Prime-Angebote, für den Amazon Marketplace und kann superschnell für die Skalierung weiterer Produkte genutzt werden. Ein anderes Beispiel ist TikTok. Dieses Social Network ist den Allermeisten als „Tanznetzwerk“ bekannt. Jedoch baut TikTok sein Netzwerk kontinuierlich aus und erweitert so sein digitales Ökosystem um weitere nutzwertstiftende Services. Zum Beispiel testet TikTok seit ca. 2 Wochen eine Bewerbungs-Funktion auf seiner Plattform. Davor launchte das Netzwerk, TikTok-Education und mit dem TikTok Creators-Fund werden neue Wege in der Content-Creation eingeschlagen. TikTok baut langsam aber sicher ein ganzes digitales Ökosystem um seine User und bindet so seine Zielgruppen.

Das Recruiting Ökosystem

Die Beispiele, die ich herausgegriffen haben, zielen vornehmlich auf digitale Ökosysteme ab, sind aber meiner Meinung nach auch gut ins Recruiting zu übertragen, da sich doch eine Vielzahl der Recruiting-Aktivitäten im digitalen Raum abspielen. Blicken wir zu Beginn noch auf eine Art Definition, so sagt das Fraunhofer IESE, dass ein digitales Ökosystem ein sozio-technisches System ist, in dem Unternehmen sowie Menschen aktiv sind und in dessen Mittelpunkt eine digitale Plattform steht. Im Recruiting bietet sich hier selbstredend die Karriereseite mit ihren angeschlossenen Systemen an, die dann zur Kooperationsplattform zwischen Unternehmen, Dienstleistern und Bewerberinnen wird. Wie sprechen hier nun also von einer systematischen Integration verschiedener Recruiting-Services, die gemeinsam, aber auch autark auf der Plattform „Karriereseite“ agieren bzw. von ihr gesteuert werden. Diese Steuerung findet einerseits direkt von der Recruiting-Abteilung oder andererseits von den intergierten Dienstleistern selbst statt, jedoch immer mit dem Ziel, Bewerbende für das Unternehmen zu gewinnen. Klingt im Grunde erstmal fast wie immer mit dem Zusatz, dass sich für ein Recruiting Ökosystem verschiedene Rollen ergebenen, die die Recruiting Organisation als Ganzes dafür einnehmen sollte:

Ökosystem – Orchestration

Die Recruiting Organisation hat hierbei die Aufgabe das Ökosystem aufzubauen und möglichst skalierbar zu halten, sodass die benötigten Services wachsen aber auch „verschwinden“ können, sollten sie nicht mehr benötigt werden. Dafür bedarf es auf der einen Seite einen guten Einblick in das System aber auch auf der anderen Seite den „Mut“ dem Ökosystem das Vertrauen zu schenken, sich selbst regulieren und steuern zu können.  

Modulare Produktion

In einem Ökosystem bieten Recruiting Dienstleister unter Umständen immer nur einen Teil des Ganzen an. So kann es sein, dass ein Recruiting-Dienstleister nur einen kleinen Teil einer Recruiting-Kampagne beisteuert, dieser aber genau der Entschiedenste ist. Recruiting Organisationen müssen sich daher von 360 Grad-Anbietern, Kontingent-Verträgen sowie regelmäßigen Fixkosten lösen und dazu übergehen, dynamische Angebote auf ihrer Karriere-Plattform zu vereinen, die sie für ihre Zielsetzungen benötigen und die ihrerseits bereit und in der Lage dazu sind flexible Dienstleistungen bereitzustellen sowie mit anderen Anbietern zusammen zu arbeiten.

Recruiting Kunden

Es zeigt sich, dass es in Recruiting Ökosystemen mit Blick auf die modulare Produktion verschiedene und wechselnden Kundenbeziehungen geben kann und wird. In einem Moment ist das Unternehmen Kunde und dann ist es Anbieter von Dienstleistungen und wieder umgekehrt. So müssen Partner gefunden werden, die in der Lage sind, dieses Wechselspiel mitzugehen und dem Hauptzweck folgend beide Seiten annehmen können. Ebenso muss sich die Recruiting Organisation selbst bewusst werden, in welchen Situationen sie Anbietende und in welchen sie Nachfragende ist, denn auch sie wird in einem Recruiting Ökosystem beide Rollen einnehmen.

Es ist sicherlich nicht ganz einfach, so eine nach aller Seite offene Struktur in einer Recruiting Organisation zu etablieren. Wenn jedoch die Planung und die Struktur des Recruiting Portfolios und die dahinterliegende Recruiting Programmatik auf diesen Prinzipen bzw. Rollen fußt, dann hat die Operative viel gewonnen und die Organisation die Möglichkeit schneller und wirksamer zu reagieren. Für die Zukunft des Recruiting lassen sich auf Basis dieser Rollen weitere, grundlegende Merkmale benennen, die für digitale Ökosysteme aber eben auch für Recruiting Organisationen und Ökosysteme Gültigkeit besitzen. Wichtig ist, dass Recruiting Organisationen durch Anwendung oder vielmehr Umsetzung solcher oder ähnlicher Merksätze robust werden und durch klare Vorgehensweisen aktiv auf Änderungen eingehen können.

Kundenzentriert

Wertschöpfung als oberste Maxime und eine klare Fokussierung auf die Bedürfnisse der Kunden ist bei uns im Recruiting nichts Neues, jedoch macht es Sinn, sich dieses Handlungsprinzip immer wieder ins Gedächtnis zu rufen: alles was wir tun sollte auf das Bewerber:innen-Erlebnis einzahlen und somit auch auf die Recruiting-Zielsetzung.

Datengesteuert

Auch wieder nichts Neues: aber hier werden alle Daten aus dem gesamten Ökosystem gemeint, die zusammengefasst, analysiert und dann auf dieser Basis Handlungsschritte eingeleitet werden. Sind wir einmal so weit und können unsere gesamte Recruiting Organisation so steuern, dann sind wir tatsächlich in der Zukunft des Recruiting angekommen. Der Fokus liegt hier also auf dem richtigen Entscheiden und Handeln auf Basis von Zahlen.

Automatisiert

Ebenfalls eine Thematik, die wir im Recruiting immer mehr besprechen, sie aber über administrative Vorgänge meiner Wahrnehmung nach nicht herauskommt. Automatisierung umfasst hier auch nicht nur bewerberbezogene Prozesse, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten im Recruiting Ökosystem. Sind beispielsweise Herstellungsprozesse von JobAds automatisiert lässt sich hier allein Zeit und Geld sparen.

Dynamisch

„Das machen wir schon immer so“ – gilt einfach nicht mehr. Ständiges hinterfragen und überprüfen auf Basis der Zahlen und entscheiden für den richtigen Weg ist das Kredo einer modernen Recruiting Organisation und eines Recruiting Ökosystems. Dafür müssen dann aber auch folgerichtig entsprechende Arbeitsräume und -methoden in den Recruiting Organisationen bereitgestellt werden. 

Auch wenn das kurz skizzierte Recruiting Ökosystem vielleicht noch Vision sein mag, so müssen sich dennoch Recruiting Organisationen flexibilisieren, um für die Zukunft des Recruiting gewappnet zu sein. Dies schließt aber genauso die vielen Recruiting Dienstleister mit ein, die ebenso ihr Angebotsspektrum auf diese Anforderungsvielfalt anpassen und methodisch unterlegen müssen. Denn erst dann kommen wir in einem gemeinsamen Recruiting Ökosystem ans Ziel.

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