Das Internet ist wir eine große Stadt, sie schläft nie, sie ist immer wach und es ist dort auch immer was los. Es gibt verschiedenes zu entdecken, zu erleben und auch die Möglichketen selbst aktiv zu werden. Es gibt große, noble Stadtteile aber auch kleine heruntergekommene und eine Undergroundszene. Und es gibt die Menschen, die die ganze Stadt beleben. Genauso wie eben im Netz. Es gibt dort die großen Plattformen, wie Facebook das neuerdings von Instagram vom Thron gestoßen wurde. Es gibt aber auch die kleinen und feinen Netzwerke wie Byte und solche, über die wir alle aktuell zu diskutieren haben wie TikTok. Aber die Geschichte hat auch gezeigt, dass es ganze Städte gibt, die verlassen sind oder nie gefunden werden. Genauso, wie manches Netzwerk, das dem HR Marketing erst sehr spät oder nie aufzufallen scheint. Eines davon ist meiner Meinung nach Twitch, das in der Personalmarketingdiskussion so gar keine Berücksichtigung findet. Dies ist doch ein wenig verwunderlich, denn die in der letzten Woche veröffentliche Onlinestudie von ARD und ZDF, eine Studie, der man so finde ich doch einiges an inhaltlichem Aussagegehalt zusprechen kann, hat dazu interessante Dinge herausgefunden: So teilen sich bei der täglichen Nutzung von Social Media (Erwachsene ab 14 Jahren) Twitch und TikTok den letzten Rang. Bei der Altersgruppe zwischen 14 und 29 liegt Twitch (12%) sogar 3% vor TikTok (9%). Wir diskutieren derzeit mal provokant ausgedrückt über ein Netzwerk das an letzter Stelle liegt und vernachlässigen ein Netzwerk, welchen ebenso rasant wächst und in der Nutzung bei jungen Erwachsenen die Nase vorn hat. Spannend:-) Wenn wir zudem, mit plötzlichen Themenschnitt und einem Schwenk auf unser Tun, Social Recruiting nicht nur auf die Tätigkeit des Rekrutierens in Social Media reduzieren, sondern Social Media unter dem Fokus des Web 2.0, dem Mit-Mach-Web sehen, dann verkörpert wohl kaum eine andere Plattform wie Twitch diese Idee. Denn User Generated Content, Kommunikation und Interaktion werden hier groß geschrieben und das Ganze nicht one-way sondern über alle Grenzen hinweg. Social halt. Aber nun erstmal eins nach dem anderen.

Twitch – wer bist du?

Alle guten Geschichten und Märchen beginnen mit einem „Es war einmal“. So war es einmal ein junger Yale-Absolvent namens Justin Kan, der sich im Jahr 2007 dazu entschied, sein ganzes Leben via Webcam, die an seiner BaseCap befestigt war, 24/7 live ins Internet zu übertragen. Das Ganze stellte er auf der Plattform justin.tv den geneigten Zuschauern zum Zusehen bereit. Seine Idee fand recht schnell Anklang und zeitgleich war das Live-Broadcasting erfunden was dazu führte, dass sein justin.tv wuchs und wuchs. Auf einem neu gegründete Schwesterprojekt namens twitch.tv wurde der Wachstum kanalisiert und in verschiedenen themenbezogenen Streams (Sport, Politik, Games etc.) vorangetrieben. Der Begriff Twitch kommt dabei aus der Gaming-Ecke „twitch-gameplay“ und beschreibt eine Spieltechnik in der super schnell reagiert und gehandelt werden muss. Zeitgleich zeigt es auch den inhaltlichen Themenschwerpunkt der Plattform, der bis heute auch noch vor allem im eSports und Gamingbereich liegt. Der Wachstum führte soweit, dass Amazon im Jahr 2016 Twitch kaufte und mit seinem Dienst AmazonPrime exklusiv verbunden hat.

Springen wir direkt einmal in paar aktuelle Zahlen aus Deutschland, so zeigen diese, dass Twitch knapp 3,6 Millionen Unique-User monatlich hat, die zu 70% männlich sind. Die Alterskohorten können recht grob in zwei große Cluster eingeteilt werden: dabei sind im ersten Cluster 40% der User im Alter zwischen 16 und 24 und ungefähr die „restlichen“ 60% sollen im Alter von 25-34 sein. Ein paar Ausreißer nach oben wird’s da schon geben. Mich zum Beispiel. Die bekanntestes Streamer und Kanäle auf Twitch haben teilweise mehrere Millionen Follower und die WatchTime liegt quasi direkt hinter den fetten Streamingplattformen Netflix, Apple und AmazonPrime und beträgt im Schnitt ca. 95 Minuten täglich pro User.

Aber was ist nun los auf Twitch? Twitch ist in erster Linie eine Video-Streamingplattform bei der sich ursprünglich Gamer beim Spielen live gefilmt und via Screencast das Spielgeschehen auf der Plattform gezeigt haben. Dies ist immer noch ein großer Bestandteil von Twitch. Bekannte Streamer sind in Deutschland z.B. Trymacs mit 1,4 Millionen Follower. Die Plattform entwickelt sich aber stetig weiter und es gibt immer wieder Events, neue Channels und neue Formate. Daher hat es mittlerweile auch unterschiedliche feststehende Channels die ich einmal ganz kurz anteasern möchte, da ich denke, dass sich hier spannende Möglichkeiten für das Personalmarketing und Recruiting verbergen:

IRL: Ist ein neues und immer beliebter werdendes Format bei dem die Zusehenden die Streamer in Ihrem Alltag begleiten. IRL steht dabei für „In-real-life“. Hier wird wohl dem Ursprung der Plattform Rechnung getragen und man könnte das Ganze auch mit live Vlogging umschreiben.

Talk Shows: In der Tat gibt es einen Channel in dem zu unterschiedlichsten Themen getalkt wird. Es schalten sich in der Regel bekannte Broadcaster zum Diskutieren zusammen. Meist kreisen die Themen um recht technische Dinge – aber nicht nur.

Creative: Dieser Channel soll den Kreativen und künstlerisch Begabten Streamern ein Zuhause geben. Hier werden Mal- Bastel Casts gezeigt, aber auch ganze Shows (Koch-Shows, How-To-Technik-Shows, Unterhaltungs- und Rateshows etc.) stehen auf dem Programm. Dieser Kanal bietet die meiste Abwechslung und Themenvielfalt.

Music: Natürlich darf Musik auch auf Twitch nicht fehlen. Aber anders wie auf den anderen bekannten Plattformen wird hier nicht auf bestehende Musik getanzt oder diese synchronisiert, sondern es geht um die eigene und selbstproduzierte Musik. DJ´s aber auch Singer-Songwriter stellen ihren eigenen Sound in diesem Channel der Community vor.

Ein Blumenstrauß voller Möglichkeiten

Um die einzelnen Channels und die gesamte Plattform besser zu erfassen, müssten wir noch ein wenig tiefer reingehen. Aber für den Moment und den ersten Eindruck müsste es reichen und sollte auch schon so zeigen, dass es auf Twitch sicherlich spannende Möglichkeiten für HR Marketing geben kann.

Es besteht auf Twitch, wie eigentlich auf allen anderen Plattformen auch die Möglichkeit, Spots und Ads zu schalten. Diese werden als Pre-Roll oder Mid-Roll ausgespielt oder kommen als Banner in die jeweilig passenden Streams. Zudem können -etwas kreativer- Overlays und Backings der einzelnen Streamer oder Kanäle gebrandet werden.

Ein weiterer, und wie bei Instagram wohl der wichtigste Werbeträger sind die Streamer selbst. Sie haben eine sehr loyale Gefolgschaft aufgebaut, zu der eine sehr persönliche Bindung und ein sehr persönlicher und direkter Zugang besteht. Somit ist das Thema Influencer-Marketing auf Twitch gegeben und kann durchaus auch für Personalmarketing interessant sein. Die Bekannten unter ihnen können auch schon von der Plattform leben und generieren ihren Lebensunterhalt aus Donations oder eben aus Werbepartnerschaften. Diese suchen sie aber sehr sehr sorgfältig aus, da ihre Communities sehr reaktiv sind. Dies bedeutet wiederum einen hohen Impact, sollte sich eine Streamerin oder ein Streamer für etwas einsetzen.

Und zu guter Letzt sind natürlich jede Menge eigene Formate möglich. Allein im IRA-Channel fallen mir zig Möglichkeiten ein, wie Personalmarketing und Recruiting Jobs und Arbeitgeber verarbeiten könnten. Die anderen Channels brauchen ein wenig mehr Kreativität, aber das ist ja eigentlich das, was HR Marketing ja auch ausmachen sollte.

Ich persönlich ertappe mich immer mehr dabei wie ich zunehmend Twitch „schaue“ und immer mehr spannende Inhalte auf der Plattform entdecke. Nach wie vor stelle ich mir die Frage, wieso wir hier im Recruiting und Personalmarketing noch nicht aktiver sind, denn die Möglichkeiten sind da, da die Plattform ja die Strukturen dafür sogar selbst schon legt.

 

 

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