Letzte Woche hat sich auf LinkedIn und Twitter eine sehr spannende Diskussion aufgetan, in der es kurz zusammengefasst darum ging, in welcher Art und Weise der Autobauer Tesla für seine Fabrik in Berlin-Brandenburg rekrutiert. Vor allem wurde aber über die Tweets des Tesla Gründers und TEC-Visionärs Elon Musk gesprochen, der ankündigte höchstpersönlich ins Recruiting Geschehen einzugreifen und nach Berlin zu kommen, um ein paar Jobinterviews zu führen. Angestoßen haben die Diskussion Ute und Tim, in ihren jeweiligen Artikeln dazu unterschiedliche Meinung geäußert bzw. dieses Thema auch von unterschiedlichen Blickrichtungen aufgerollt haben – einmal mehr von „außen“ einmal mehr „von innen“. Ich empfehle euch einfach beide Texte zu lesen, denn sie enthalten jeder für sich genommen inhaltlich spannende Thesen und Aussagen.

Mit einer, naja, übergeordneten Draufsicht könnte es aber letztendlich auch um die Fragen gehen, ob es im Recruiting so etwas wie Role-Models geben kann und ob es im Recruiting überhaupt Role-Models benötigt. Nachdem ich mir die beiden Texte und die Threads noch einmal durchgelesen habe, habe ich mir genau über diese Fragestellungen echt viele Gedanken gemacht und bin nicht wirklich zu einem Schluss gekommen. Daher werden heute glaube ich auch in diesem Artikel mehr Fragen wie Antworten stehen. Für Role-Models gibt es in der Tat sogar eine soziologische Theorie, die ich hier aber eher außen vorlassen will. Aber wollen wir Role-Models kurz umreißen, dann sind es Personen, aber genauso gut auch Dinge, Muster oder Sachen den richtungsweisenden Charakter haben, klare Wertvorstellung besitzen und durch ihre Verhaltensweisen zum Nachahmen anregen. Aber wie verhält sich das nun mit Recruiting?

Recruiting als One-Person-Show?

“Germanys next Recruiter:in”, wäre ja mal eine Idee, um herauszufinden, ob wir die oder den Top-Recrutiter:in in Deutschland haben oder nicht. Dabei fände ich es schon spannend zu sehen, welche Kompetenzen diesen Persönlichkeiten denn zugesprochen werden sollten. Allein das Finden dieses Skill-Sets würde Recruiting-Germany glaube ich schon gut tun. Aber was soll diese Person denn bewirken oder besser: wo soll sie denn wirken? Dafür ist Recruiting aus meiner Warte heraus viel zu komplex, um darauf eine einfache Antwort geben zu können. Aber schauen wir uns das Top Management an, da es ja auch unser Ausgangspunkt ist. Wenn wir das Top-Management einbinden, dann dient das ja meist und vor allem dem Zweck des Employer Brands oder wie bei Tesla mit Sicherheit der Reichweite. Aber das ist nichts Neues – nur dank des Hypes mancher CEO jetzt eben „nur“ ein Hype? Und wenn man sich als Mitarbeiter:in die Unterstützung und die Zusammenarbeit mit seinem Top-Management wünscht, und diese innovativen Vordenker:innen dazu befragen würde, würden sie dir nicht diese Frage stellen: „Warum hast du dieses Problem nicht schon längst gelöst?“ Ich glaube genau das würden sie tun. Also liegt dies doch in den Händen des Recruiting und nicht (nur) auf Seiten des Managements? Und nicht falsch verstehen: Es ist nicht verkehrt und nicht schlecht, wenn sich Firmenlenker:innen öffentlichkeitswirksam in das Recruiting einbinden – im Gegenteil. Nur lässt es einen doch ein wenig staunen, wenn dies dann mit Recruiting betitelt wird. Ist es dann dieses Recruiting, das jede:r kann? Genauso wie „das Einkaufen“ oder „das Verkaufen“? Das kann doch bekanntlich auch jede:r! Müssen wir nicht berufsstandswahrend einfach mal die Hand heben und sagen „Moment“ Recruiting hat noch zwei, drei Punkte mehr auf dem Zettel stehen und könnten so hier unserer Profession richtig Geltung verleihen? Und das nicht als einzelne Person – sondern als Team versteht sich. 

Recruiting Kampagnen – die Champions des Recruiting?

Des Recruiting liebstes Kind ist im Grunde ja das Personalmarketing. Nice Stellenanzeigen, schöne Karriereseiten, coole Social Media Posts und tolle Recruiting Videos. Aber am allerliebsten haben wir natürlich ganze, innovative und am besten gleich disruptive Kampagnen, die alles platt machen was der Markt so bisher gesehen hat und die offenen Stellen besetzen als wären es freie Sitze im Silver Star, die es noch zu ergattern gibt. Ich übertreibe jetzt natürlich ein wenig, aber ist es nicht gut, wenn eine Idee, eine Kampagne oder eine Aktion herausragend gut funktioniert und das auf der Basis einer richtungsweisenden Idee? Doch, finde schon. Nur stellt dich dann gleich die Anschlussfrage: Was macht man, wenn man solch eine gute Idee sieht? Ist man menschlich und neidisch, weil man die Idee nicht selbst hatte? Oder schaut man ab und versucht daraus für das eigene Recruiting zu lernen? Das sollte man sicherlich tun – also letzteres 😉 Nur haben diese, dann doch meist vorausschauenden Kampagnen und Marketingideen auch Role-Model Charakter, dem man zwingend nacheifern will und muss? Eine Stellenanzeige? Ein Post? Eine Landingpage? Oder sind es eher die Mechaniken, die grundlegenden konzeptionellen Ansätze und die richtungsweidsenden Kreativideen, die beindrucken und die die Kampagnen erst zum Leben erweckten. Also der Maschinenraum – und nicht der offensichtliche Glitter und Glamour? Das ist meistens eben nicht so erschlicht und somit nicht tauglich als Vorbild? Ich persönlich feire mehr die Mechaniken, Ansätze und die Kreativideen…

Das Recruiting – der Star in der Manege?

Muss man nun doch alles zusammen nehmen was im Recruiting geschieht und somit Recruiting zum Star und zu seinem eigenen Role-Model machen? Oder ist das nun auch wieder zu einfach gedacht? Recruiting besteht doch aus verschiedensten Dingen, die verschiedene Dinge tun um alle zusammen ein „Ding“ zu erreichen: besetzte Stellen. Wir tun dies ja nicht zum Selbstzweck, sondern für die Unternehmen, für die wir tätig sind und offene Vakanzen haben. Können wir es uns dann leisten einzelne Dinge, Bereiche, Personen oder Kampagnen herauszupicken und diese auf den Thron zu setzen und ihnen wie einem Role-Model zu folgen? Oder macht es wiederum Sinn, genau das zu tun, um einzelne Bereiche, die wir stärken wollen, besser positionieren wollen auf diese Art und Weise zu unterstützen? Unterstützen und fördern wir damit vielleicht auch uns selbst als Personen oder als gesamtes Recruiting Team und geben uns ein Ziel? Oder verschieben wir mit so einer Fokussierung nicht die Gewichtung der verschiedenen Disziplinen, die wir im Recruiting benötigen und anstreben in eine gewisse Richtung und bringen das System ins Ungleichgewicht? Ist es dann nicht besser, wenn wir Recruiting als Ganzes betrachten – mit allem was dazu gehört positionieren und dann, wenn es Sinn macht Einzelnem ermöglichen herauszustechen? Hier bin ich mir wahrlich unsicher, aber es braucht, denke ich beides – den Blick auf das Ganze und die einzelnen herausragenden Ideen, die aber für mich zur Pflicht und nicht zur Recruiting-Kür gehören.

Wer kann nun die Rolle einnehmen, der nachgestrebt, der gefolgt von der erzählt werden sollte? Ich persönlich weiß es ehrlich gesagt nicht, für mich ist Recruiting viel zu komplex, zu vielschichtig und zu facettenreich, um von dem einen Role-Model sprechen zu wollen. Es gibt aber sicherlich einiges, dass Ausnahmecharakter und somit auch gewissen Vorbildfunktion hat – nur einzelne Tweets gehören da für mich nicht dazu.

 

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